Die Gesetze des Vaters
Hans und Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka

Eine Ausstellung des stadtMUSEUMs graz mit Graz 2003 Kulturhauptstadt Europas

Ausstellungsdauer: 04.10.2003 - 29.02.2004
Idee und Konzeption: Gerhard M. Dienes, Ralf Rother
Durchführung: stadtMUSEUMgraz



Hans und Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka. Vier Personen, verbunden durch Begegnungen sowie - wenn auch in unterschiedlichen Zugängen -, durch die Auseinandersetzungen mit Gesetz und Strafe, der Figur des Vaters, dem Patriarchat und dem (Vater)Staat, dem Eigenen und dem Fremden.
Vier Personen in einem biografisch, reflektorisch, literarisch, disputativen Beziehungsgeflecht zwischen Kriminologie und Psychoanalyse, Aussteigerszenarios, Anarchie und Revolution, Vater und Sohn.
Der Grazer Hans Gross (1847-1915), ein Verfolger des „Bösen“, war Untersuchungsrichter aus Leidenschaft.
„Vom Augenblick, da ein Jurist Untersuchungsrichter wurde, ist er nur noch Untersuchungsrichter. Und sonst gar nichts ...“
(H. Gross)
Gross wurde ein Reformer der Strafrechts. Er hinterfragte, warum und wie ein Mensch zum Täter werden kann, und bediente sich der Psychologie. „Das Verbrechen als sozial-psychologische Tatsache ist die Äußerung des Einzelegoismus, welche den Egoismus der Allgemeinheit soweit schädigt, daß gesetzliche Normierung erfolgt ist ...“
(H. Gross, Antrittsvorlesung an der Universität Graz, 1905)
Von den Psychoanalytikern, insbesondere von Sigmund Freud, wurden seine kriminal-psychologischen Arbeiten (Tatbestandsdiagnose) diskutiert, aber schließlich verworfen.
1893 gab Gross sein seinen Weltruf begründendes Werk, das Handbuch für Untersuchungsrichter heraus, ein systematisch-enzyklopädischer Versuch, die Kriminalistik zu dokumentieren.
„Haben Sie Hans Groß gelesen?“, heißt es bei George Simenon.
Das Handbuch umfasst Abschnitte über die unterschiedlichen Methoden zur Spurensicherung und Tatermittlung, über die Vernehmung von Zeugen und Tatverdächtigen, aber auch solche über den Okkultismus und über die sogenannte Zigeunerbekämpfung.
Im Degenerierten sah Gross die Aufgabe der Strafe versagen. Für diese Unverbesserlichen verlangte er die lebenslange Deportation in Strafkolonien.
Seine Gedanken und Postulate beeinflussten Franz Kafka, zwischen 1903 und 1905 Hörer von Hans Gross an der Universität Prag.
Gross'sches findet sich in folgenden Werken Kafkas: Der Process, In der Strafkolonie, Vor dem Gesetz.
In Graz konnte Hans Gross seine Bemühungen um die Sammlung von kriminologischen&Mac226; „Realien“ oder kriminalanthropologischen, psychiatrischen, psychologischen Befunden realisieren.
„Er begründete das bald international beachtete Kriminalistische Universitätsinstitut und das dazugehörende Kriminalmuseum, das weltweit erste dieser Art. Es galt Gross als unbedingt notwendiger Teil des Studiums der Kriminalistik, wurde aber immer deutlicher zum Instrument der Herrschaft.“
(E. Hurwitz)
Seit 1899 gab Gross die Hefte des Archivs für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik heraus. Hier veröffentlichte Otto Gross (1877-1920) zwei seiner ersten Aufsätze. Wie sein Vater Hans beschäftige sich Otto Gross mit der Frage: Wieso wird eine sozial schädliche Handlung begangen oder unterlassen? Wie sein Vater sah er sich den neuen Entwicklungen in der Medizin, der aufkommenden dynamischen Psychiatrie, aber auch den Naturwissenschaften eng verbunden.
Wenn der Vater mit dem Sohne!
Aber!
Die Idylle im Elternhaus trog.
Die Geschlechterrollen und Grenzlinien in der Familie waren nur scheinbar klar. Es herrschte Zucht und Ordnung. Affekte verschwinden hinter einer Fassade der Wohlanständigkeit und gutem Ton.
„Die tradierte patriarchale Ordnung wird rigide festgehalten, ohne daß sich die Beteiligten darüber klar werden könnten, inwieweit die äußere Ordnung im Innern der Familienmitglieder das &Mac226;Chaos' wiederkehrt. Im Inneren des Sohnes jedenfalls, bei OTTO GROSS, kommt es zu einem lebenslangen verzweifelten, schließlich tödlich endenden Kampf zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen dem Willen zur Selbstbehauptung und dem Willen der Eltern, dem sich das Kind unterwerfen soll.“
(B. Nitzschke)
Bei Otto Gross blieb es nicht wie bei Franz Kafka bei einem Brief an den Vater, vielmehr erregte der Fall Gross am Anfang des 20. Jahrhunderts international öffentliches Aufsehen. Das Schicksal des Otto Gross erlangte für Künstler, etwa für Franz Werfel, Motivfunktion. Wir finden Otto Gross wieder als Dr. Gebhart in Werfels Roman Barbara oder Die Frömmigkeit.
Otto Gross, Arzt, habilitiert im Fach Psychopathologie und Psychoanalytiker, Verteidiger der Hysterielehre Sigmund Freuds, war als braves, verwöhntes, für seine Eltern genieverdächtiges Kind herangewachsen.
Doch das Blatt wendete sich.
Der Duckmäuser wurde zum Bürgerschreck, der Asket zum Exzentriker, der Sex und Alkohol rauschhaft konsumierte.
Als Schiffsarzt machte er auf Fahrten nach Südamerika erste Drogenerfahrungen, und ging, zurück in Europa, mit seiner Frau Frieda in die anarchistische Boheme von München / Schwabing. Otto Gross ist in der Szene und beeinflusste sie, ein konventionssprengender Anarchist und Revolutionär.
Die Degenerationstheorie seines Vaters konterkarierend, lobte der Sohn die Dekadenz. Schließlich war er selbst ein Dekadenter.
Die Gegensätze zwischen Vater und Sohn werden größer.
Nichts verdeutlicht das mehr als der Umstand, dass 1906, als der Vater Gefängniskunde lehrt, der Sohn nach Ascona auf den Monte Verità geht, wo sich alles trifft, was im Aussteigermilieu Rang und Namen hat.
„Manche wollen die gesamte Menschheit befreien, andere begnügen sich mit ihrer Selbstbefreiung, fressen Körner, beten die Sonne an, wandeln nackt und lassen sich die Haare wachsen. Alte Götter fallen, neue Götzen entstehen.“
(B. Nitzschke,)
In Ascona kommt es zu geheimnisvollen Selbstmorden, in denen Otto Gross verwickelt ist: Gross wird zum mysteriösen Dr. Caligari im Film des aus Graz stammenden Regisseurs Carl Mayer.
Zwei seiner Patientinnen/Geliebten sterben an einer Überdosis Medikamenten/Kokain, das Gross ihnen besorgt hatte. Mord oder Sterbehilfe? Die Polizei sucht ihn, doch die internationale Reputation des Vaters verhindert die Einleitung eines Strafverfahrens.
Otto Gross propagierte als revolutionärer Psychoanalytiker die sexuelle Revolution, den Drogenrausch und eine Revolution für das Matriarchat. Die Gewalt innerhalb der Familie, der Gesellschaft und des Staates sah er in der Figur des Vaters verfestigt.
Otto Gross setzte die Psychoanalyse als Instrument der Gesellschaftskritik ein, indem er als erster den Schritt von der individuellen Neurose zum gesellschaftlichen Leid unternahm. Lange vor Sigmund Freud erkannte er die soziale Bedingtheit psychoanalytischer Befunde.
Von der offiziellen Psychoanalyse wurde Gross abgelehnt. Sigmund Freud verweigerte es, die Psychoanalyse mit der Prophetie einer sozialen Revolution zu verknüpfen.
Gross verkehrt in den Kreisen der Anarchisten, Dadaisten und Expressionisten, die er auch beeinflusste: Erich Mühsam, Gustav Landauer, Franz Jung, Franz Pfemfert, Leonhard Frank. Er pflegt Kontakte zum Heidelberger Kreis, zu Alfred und Max Weber, hat ein Verhältnis mit Frieda von Richthofen-Weekley, der späteren Frau von D. H. Lawrence, der dem Sexualmoralismus des Otto Gross in seinem Werk poetische Weihen gab.
Mit Friedas Schwester, Else von Richthofen - die Frau von Edgar Jaffé - hatte Otto Gross einen Sohn, Peter, geboren 1907. Im selben Jahr kam sein ehelicher Sohn Peter zur Welt. Hans Gross prozessiert um die Vormundschaft über seinen Enkel, sein Anwalt ist Anton Rintelen, später einer der führenden Nationalsozialisten.
Der exzessive Drogenkonsum zwingt Otto Gross wiederholt zum Entzug. 1908 überweist ihn Sigmund Freud zu einer Entzugstherapie in die Klinik Burghölzli / Zürich bei Carl Gustav Jung ein.
Diagnose: Dementia praecox.
Gross beendet die Therapie mit einem Sprung über die Anstaltsmauer.
Sein unstetes, exzessives Leben geht weiter, in Ascona will er 1911 eine Anarchistenschule gründen.
Egal wo er ist, der lange Arm des Vaters holt ihn immer wieder ein. 1913 als unerwünschter Ausländer von Berlin ausgewiesen, lässt ihn Hans Gross in einer psychiatrischen Klinik in Tulln zwangsinternieren und setzt die Entmündigung des Sohnes durch: Verhängung der Kuratel wegen Wahnsinn.
Die Freunde von Otto Gross initiieren eine internationale Pressekampagne, die von Künstlern und Schriftstellern in Berlin, München, Wien, Prag und Paris unterstützt wurde.
„Die Abwürgung des Dr. Otto Gross ist typisch. Wir werden diesen Typus sprengen ... Wir Geistigen, wir Unterproletarier sind stark - der Professor in Graz ist nur ängstlich ... Die Irrenwärter, Vermögensverwalter, Staatsbeamten halten zusammen. Wir, die wir nichts zu verlieren haben, halten auch zusammen.
(L. Rubiner, Paris)
Nach wenigen Monaten kommt Otto Gross wieder frei.
1915 stirbt Hans Gross. Der Sohn verliert sein Feindbild, aber auch den letzten Halt.
Otto Gross lernt während einer Fahrt mit dem Nachtzug von Budapest nach Prag Franz Kafka kennen.
„Groß aber erzählte mir etwas fast die ganze Nacht (bis auf kleine Unterbrechungen, während welcher er sich wahrscheinlich Einspritzungen machte), wenigstens schien es mir so, denn ich verstand eigentlich nicht das Geringste.“
(F. Kafka an Milena)
In Prag, in der Wohnung von Max Brod entwickeln Gross und Kafka den Plan, eine Zeitschrift unter dem Titel Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens herauszugeben.
Es kommt nicht dazu.
Die Umbruchstage nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sehen Otto Gross in Berlin, wo er mit seinen sozial-revolutionären Ideen Einfluss auf den Dadaismus um Raoul Hausmann und Hannah Höch ausgeübt und gemeinsam mit Franz Jung die Zeitschrift Die freie Strasse begründet hatte.
Jetzt ist er - ohne die Geldzahlungen seines Vaters - verarmt, vereinsamt, krank, am Ende.
Halb verhungert und fast erfroren wird er in einem Hauseingang gefunden. Wenige Tage später stirbt Otto Gross am 13. Februar 1920. Er war einer von denen geworden, die sein Vater deportiert wissen wollte: ein drogensüchtiger Psychopath, ein Degenerierter.

stadtMUSEUMgraz
http://www.stadtmuseum-graz.at/

Begleitpublikation:
Gerhard M. Dienes, Ralf Rother (Hg.)
Die Gesetze des Vaters.
Hans und Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka.
Wien: Böhlau Verlag 2003
http://www.boehlau.at/main/book.jsp?bookID=3-205-77070-6

Datenbank der Ausstellung
http://www.stadtmuseum-graz.at/gdv/index.php

Internationale Otto Gross Gesellschaft e. V.
http://www.ottogross.org/deutsch/index.html