100 JAHRE JACQUES LACAN


Initiiert von der „Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule“ und in Zusammenarbeit mit der Sigmund-Freud-Gesellschaft, dem Institut francais de Vienne, dem Wiener Burgtheater, dem Stadtkino Wien und der Wiener Galerie Charim wurden im Jahr 2001 aus Anlass des 100. Geburtsjahres von Jacques Lacan mehrere und auch sehr verschiedene Veranstaltungen durchgeführt.

Ein erster Teil stand unter dem Thema

„100 Jahre Jacques Lacan - Vom Psychiater zum Psychoanalytiker“

und befasste sich vor allem mit dem „frühen Lacan“ und den Phänomenen von Psychose, Gewalt und Weiblichkeit. Denn im Gegensatz zu Freud, der sich durch die Frage der Neurosen zur Entwicklung der Psychoanalyse veranlasst sah, fand Lacan in den Dreißigerjahren von einer anderen Seite her, nämlich von der Seite der Psychose Eingang in die psychoanalytische Bewegung. In beiden Fällen handelte es sich aber vornehmlich um Frauen, welche erkenntnisweisend wirkten. Waren es bei Freud (und Breuer) die zahllosen Hysterikerinnen, die durch ihr bisweilen mysteriöses Gebaren die wissenschaftliche Neugier der beiden Ärzte anstachelten, so waren es für den angehenden Psychiater Jacques Lacan (Un-)Taten von Psychotikerinnen, welche sein Begehren zu wissen in Bann zogen. Abgesehen vom “Fall Aimée”, der ihm als Musterbeispiel von erotischer Paranoia das Dissertationsthema lieferte, war er offenbar nicht minder ergriffen von der allgemeines Aufsehen erregenden Mordhandlung der Schwestern Papin, der beiden Dienstboten aus Le Mans, die sich auf grauenvolle Weise ihrer despotischen Dienstgeber entledigten. “Voilà du propre! / Endlich aufgeräumt!“ soll ihr Kommentar zum vollbrachten Werk gelautet haben. Diesen Geschwistern widmete Lacan 1933 einen Artikel in der surrealistischen Zeitschrift “Le Minotaure”, welcher auch Jean Genet zu seinem Drama “Die Zofen” inspirierte. Darüber hinaus lieferte der Vorfall den Stoff für zahlreiche literarische und filmische Werke.
Diese Thematik, welche den grausamen Akt, die Frage der folie à deux und des induzierten Wahnsinns, den Verdacht auf latente Homosexualität und das Hervorbrechen einer das Bewußtsein der handelnden Personen übersteigenden Realität zum Inhalt hat, war zunächst Gegenstand eines Symposiums, das unter dem Titel

“Passages à l' acte - Ans Werk!”

am 9. Juni 2001 im Institut francais de Vienne stattfand.

Referenten:

Jean Allouch (Paris), Yves Depelsenaire (Brüssel), Anne Juranville (Paris), Ulrike Kadi (Wien), René Lew (Paris), André Michels (Luxemburg), Peter Widmer (Zürich). Moderation : August Ruhs (Wien)

Fast alle Beiträge dieses Symposiums sind in der Zeitschrift „texte. psychoanalyse. ästhetik. kulturkritik“, Heft 3, 2001 (Passagen Verlag Wien) veröffentlicht.

Als Einleitung und Einstimmung zu diesem international besetzten Kolloquium fand am Vorabend eine Aufführung von Jean Genets “Die Zofen” im Wiener Akademietheater statt; an der daran anschließenden Podiumsdiskussion nahmen u.a. auch die beiden Darsteller Gert Voss und Ignaz Kirchner teil.

Den Abschluß dieser dreiteiligen Veranstaltung bildete Ende Juni eine Filmwoche im Filmhaus am Spittelberg. Unter Bezugnahme auf die Thematik von „Gewalt - Frau - folie à deux“ wurden unter dem Titel

“Voilà du propre - Frauen räumen auf”

folgende Beiträge gezeigt:

La Céremonie (Claude Chabrol, 1996)
Heavenly Creatures (Peter Jackson, 1994)
Les blessures assassinées (Jean-Pierre Denis, 2000)
Sister, my sister (Nancy Meckler, 1994)
Messidor (Alain Tanner, 1977)
Thelma und Louise (Ridley Scott, 1991)



Um aber dem „ganzen Lacan“ gerechter zu werden, konnten im Herbst 2001 zwei weitere Veranstaltungen realisiert werden:

Zunächst eine zweiteilige Ausstellung mit dem Titel

„Diesseits und jenseits des Traums“

in Zusammenarbeit mit der Galerie Charim und dem Sigmund-Freud-Museum, kuratiert von Brigitte Huck und August Ruhs.

Dieses Projekt wurde konsekutiv an zwei verschiedenen Orten durchgeführt. Dabei sollte es an Hand des Themas Traum auch um die letzte Schaffensperiode Lacans gehen, welche nach der Arbeit an den imaginären und symbolischen Repräsentanzen einer Theorie des letztlich nicht repräsentierbaren Realen gewidmet war. Hier entwickelte Lacan an Freudschen Ansätzen weiterwirkend eine Konzeption des „Dings“, welches den Objekten vorausgeht und den Ur-Grund der Erfahrung von Gegenständen und Sachverhalten entspricht. In diese Bereiche mündet auch der Traum, und zwar an dem Punkt, an dem er sich jeder weiteren Deutung verweigert. Freud hat dies den Nabel des Traums genannt, Lacan hat versucht, durch Anleihen von Mathematik und Topologie die Koordinaten dieses Raums des Realen auszumessen.
Die Kunst hat ebenfalls immer schon versucht, über das Manifeste (auch des Traums) hinauszugehen und jene Tiefen auszuloten, von welchen man sich strenggenommen keine Vorstellungen machen kann und die einem Unbewußten im strengsten Sinn des Wortes entsprechen. „Diesseits und jenseits des Traums“ war somit auch eine Beschäftigung mit dem Manifesten und Latenten in der Kunst, mit den gleichermassen mühevollen künstlerischen Versuchen, sowohl den Traum als auch das „hinter“ ihm Liegende bildnerisch und sinnlich erfahrbar einzufangen.

Der erste Teil, dem Bereich „diesseits des Traums“ gewidmet, fand in der Galerie Charim (ab dem 13. September 2001) statt. Erstmals wurden in Österreich die aus den letzten Jahren stammenden Traumzeichnungen von Ingrid Wiener gezeigt und den Traumszenen im filmischen Werk von Valie Export sowie der Videoarbeit „The Butterfly Story I“ von Marina Grzinic gegenübergestellt.

Den Schwerpunkt des zweiten Veranstaltungsteils („jenseits des Traums“) im Sigmund-Freud-Museum (Eröffnung am 29. November 2001), bildeten Arbeiten einer jüngeren Künstlergeneration aus Slowenien, die in engem Bezug zu der in Ljubljana beheimateten philosophisch/psychoanalytisch ausgerichteten Lacan-Gruppe steht. Dabei war die Arbeit der Gruppe IRWIN speziell für die Ausstellung konzipiert und realisiert worden. Die aktuellen Beiträge wurden durch einige topologische Originalzeichnungen Jacques Lacans historisch und theoretisch untermauert. Werke von Ines Lombardi, Ecke Bonk, Cerith Wyn Evans, Francois Rouan, Heinz Frank, Nives Widauer, Peter Weibel, Maria-Theresia Litschauer, Joao Penalva, Brigitte Mayer, Peter Kogler, Constanze Ruhm, Walter Obholzer, Marina Grzinic, Aina Smid und Dimitri Gutow stellten weitere künstlerische Assoziationen zum Thema dar.

Den Eröffnungsvortrag hielt der Philosoph und Kulturtheoretiker Slavoj Zizek.

Im Rahmen dieser Ausstellung fand auch am 10. Jänner 2002 ein Vortrag von Max Kleiner (Hamburg) mit dem Titel „Der borromäische Knoten und andere Figuren des Realen“ statt.


Ziel des halbtägigen Symposiums

„Paris-Wien-Paris / Freud und Lacan“,

das am 9. November 2001 im Institut francais (Palais Clam-Gallas) durchgeführt wurde, war es, einerseits die kulturellen Unterschiede und den kulturellen Austausch zwischen Frankreich und Österreich, respektive zwischen Paris und Wien paradigmatisch anhand der Psychoanalyse und ihren jeweiligen „nationalen“ Proponenten Freud und Lacan zu reflektieren, andererseits und im Licht psychoanalytischer Theoriekonzepte die Frage sowohl der Geschichtsschreibung als auch der Geschichtsumschreibung zu überdenken. Gerade durch die zu diesem Zeitpunkt entfachte aufgeregte Diskussion zur Gedächtnis- bzw. Vergessenspolitik erhielt dieser Aspekt der Veranstaltung besondere Aktualität.

Für diese Veranstaltung (Moderation: Walter Seitter und August Ruhs) konnten mit der Psychoanalyse-Historikerin Elisabeth Roudinesco und den beiden Kulturtheoretikern Jacques LeRider und Georg Schmid drei prominente Referenten gewonnen werden.


Cerith Wyn Evans, Moebius Strip, 1997
Peter Kogler, o.T., 1993
Inés Lombardi, Ohne Titel, 1987


Walter Obholzer, Blue Dumpling, Green Dumpling, Yellow Dumpling, 1995


Constanze Ruhm, Surdité, 1997/98


Nives Widauer, Flugs, 1994


Brigitte Mayer, o.T., 1997
Maria Theresia Litschauer, fort-da, 1992-93


IRWIN, Symmetry - The Portrait of Slavoj Zizek in the working room of Sigmund Freud on the occasion of the 100th anniversary of Jacques Lacan's birth, 2001
Heinz Frank, Entzweites Selbst, 1989


Marina Grzinic, Aina Smid, Labirint (Labyrinth), 1993


Jacques Lacan, Brief an François Rouan, 1978
Peter Kogler, o.T., 1993


Ecke Bonk, Ohne Titel (Echo), München 1989


Ecke Bonk, Ohne Titel (Canal, Lacan) Wien 1991


François Rouan, Drei Tressagen, 1975-77
Inés Lombardi, Ohne Titel, 1987
Walter Obholzer, Blue Dumpling, Green Dumpling, Yellow Dumpling, 1995
Jacques Lacan, Brief an François Rouan, 1978
Ecke Bonk, Ohne Titel (Canal, Lacan) Wien 1991


Peter Weibel, The panoptic Society or Immortality in Love with Death, 2001


Constanze Ruhm, Surdité, 1997/98


Cerith Wyn Evans, Moebius Strip, 1997


Joao Penalva, Kitsune (The Fox Spirit), 2000



Gefördert wurden die diversen Veranstaltungen von:

Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien, Bundeskanzleramt, Verein Kulturkontakt, Belgische Botschaft in Wien